Die Geschichte der R.V. Herne 1900 e.V.


 


100 JAHRE REISEVEREINIGUNG HERNE 1900 e.V.

Die Chronik der Reisevereinigung Herne verlangt zwangsläufig einen Rückblick in die Zeit vor
1900, dem Gründungsjahr der heutigen Reisevereinigung.
Bereits seit 1875 wurde der Brieftaubensport in Herne gepflegt, das damals noch eine bescheidene
evangelische Kirchspielgemeinde war, in der die ersten Zechenabteufungen von England und
Frankreich aus begannen. (Shamrock — Mont-Cenis). In diesem kleinen Herne schlossen sich die
ersten Taubenliebhaber zum ältesten Qrtsverein, der Heimkehr 011, unter Führung des
Sparkassenbuchhalters Hövels zusammen.
1875 wurde die Heimkehr bei Rolof an der Bahnhofstraße gegründet. Mitglieder waren
Schornsteinfegermeister Sprinz, Metzgermeister Schmitz, Wirt Nussbaum, Koksmeister Kexel,
Wirt und Bäckermeister Nordsiek, Stehmann und Massblech. Der Verein wanderte dann nach
Baukau (Wirt Nussbaum und Neveling) und landete 1889 bei Heinrich Nordsiek, dem
Reisevereinigungslokal bis zum Abriss im Jahre 1978.
Außer der Heimkehr bildeten sich dann in den 90er Jahren die

Columba Horsthausen 0276
Hüte dich Holsterhausen 0503
Fortuna Herne Süd 0735
Club Baukau 0786
Vereinigte Freunde Sodingen 0837
Heimatliebe Herne 0867
Luftpost Herne 0887
Pfeil Riemke 0900

Als Fluggemeinschaft schlossen sich die obigen Herner Vereine bis 1900 abwechselnd den
größeren Nachbarverbänden in Bochum, Dortmund und Gelsenkirchen an. Des lästigen Hin- und
Herwanderns mit großen Kosten und Mühen überdrüssig, kam Herne und Umgebung zur Gründung
eines eigenen Verbandes(= frühere Bezeichnung der heutigen RV).

Den Anstoß hierzu gaben die ältesten Sportfreunde unter Führung der Senioren Hövels, Dawin,
Vöpel und Jansen.
Die Gründungsversammlung fand bei Neveling in Baukau im Jahre 1900 statt. Versammlungsleiter
war Rektor Bommert von der Columba.
Die erste Verbandsführung übernahm als leitender Verein der Club Baukau mit den Sportfreunden
Jansen Zechenbeamter auf Julia – und Jasber - Standesbeamter in Baukau. Ab 1904 leitete die
Heimkehr den Herner Verband bis 1918: Vorsitzender Kexel, später Schumacher, Kassierer Hövels,
Geschäftsführer Dawin sen., Reisebegleiter Thes. 1919 versuchte August Lohmann den mutlosen
Rest der Liebhaber trotz aller Not noch zusammen zu halten.
Von 1920 konstituierte sich eine Verbandsführung auf freigewählter Grundlage (bis 1933)
1.Vorsitzender: W. Willenberg
1.Kassierer: G. Hütte
Geschäftsführer: G. Dawin
Reisebegleiter: Thes

In den nachfolgenden Jahren wurde die Reisevereinigung von nachstehenden Vorsitzenden geleitet:


1933 - 1938 G. Hütte
1939 - 1945 G .Dawin
1946 - 1948 W. Willenberg
1949 - 1951 K. Hermsen
1952 - 1954 Dr. A. Römer
1955 - 1957 F. Legnaro
1958 - 1961 G. Dawin
1961 - 1962 H. Greulich (Sommerhalbjahr)
1962 - 1963 F. Kiesewetter
1964 - 1969 W. Kersting
1970 - 1973 A. Brinkhoff
1974 - 2000 F. Esdar
2001 - 2003 M. Peil
2004              T. Straeter
2005 - 2007 U. Heinecke
seit 2007      N.Scheitza






BESONDERE EREIGNISSE BIS ZUM 1. WELTKRIEG

Verhältnismäßig klein, aber sicher geführt und verwaltet, ging die Herner Vereinigung ins Geschirr.
Mit hektographierten Preislisten, bei denen der unvergessene Gustav Dawin als feder- und
rechengewandter junger Spund
seinem Vater assistierte, mit verhältnismäßig niedrigen Einsätzen, Nationaltouren Posen, Thorn und
Königsberg, 6 Alt-Touren:
Bückeburg, Lehrte, Gardelegen, vierzehntägig Spandau, Küstrin, Königsberg, dazu 2 Jungtouren
Brackwede und Löhne, kannte der Sportverein wohl kleine Enttäuschungen, aber keine
Aufregungen.

Wenn Samstag abends die Uhren bei Nordsiek abgeholt wurden, traf man sich im Kreise
hoffnungsvoller Sportkameraden zum gemütlichen Geplauder. Siegesfroh wurden dabei Wetten um
eine Runde Bier (1/4 1 = 10 Pfg.) oder eine Kruppzigarre (10 Pfg.) abgeschlossen. Ganz
Übermütigen kam's auch nicht auf ein Fässchen Bier (30 l = 10 Mark) für den ganzen Verein an. Es
waren wirklich Sportfreunde, die miteinander sich freuten und stolz waren, einen Spandauer,
Küstringer oder sogar einen Nationalsieger mit königlichem Fortifikations-Stempel auf dem Schlag
zu haben. Spandauer Goldmedaillen-Sieger-Schläge (10 gesetzte Tauben) wurden wie Herrgötter
angesehen. In Herne wurde kein solcher bekannt, wohl wurden ganz wenige 3er Goldmedaillen auf
Nationaltouren errungen.

Ein markantes Jahr war 1908. Der Herner Verband rief zu einer großen internationalen Ausstellung
unter Führung des schon genannten Hermann Schumacher im großen Saal bei Funke auf. Das Echo
war mit 1200 Tieren außergewöhnlich. Die namhaftesten belgischen Schläge waren vertreten. Der
zu dieser Zeit führende Herner Schlag Hövels schnitt bei dieser Konkurrenz mit seinen prachtvollen
blauen und dunklen Tieren sehr gut ab. Zu erwähnen ist an dieser Stelle, dass diese Tauben bis zum
1. Weltkrieg 16 erste Konkurspreise geflogen haben. Leider hatte diese Ausstellung wegen des
Diebstahls einer belgischen Gotte - Täubin ein gerichtliches Nachspiel mit 700 Mark Prozesskosten.

1908 hörte die patriarchalische Konstatierung mit Taschenuhren in verplombten Nickelkapseln mit
der Einführung der Schlagvermessungen auf. Die damit parallel in Aktion tretende Konstatieruhr
nebst Gummiring löste das Vorzeigen der Preistaube im Vereinslokal ab. Sicher war das eine
Erlösung für Mensch und Tier, doch hatte der alte Brauch eine gemütvolle Seite des Zusammenhalts
und man lernte die guten Tiere des Vereins kennen.





DER ERSTE WELTKRIEG UND SEINE FOLGEN

Der erste Weltkrieg schlug wie eine Bombe in unseren schönen Taubensport ein. Das jahrelange
Trainieren für den Kriegsfall wirkte sich nicht aus, da der Feind nicht im Lande stand und an der
Front Heeresschläge aufgebaut wurden. Zu den Waffen gerufen, musste mancher Sportfreund den
Bestand reduzieren oder sogar aufgeben. Auch die Futterknappheit ließ den Bestand arg
zusammenschrumpfen. Die Vereinigungen mussten sich gegenseitig durch gemeinsames Reisen
unterstützen. Herne schloss sich deshalb zunächst Bochum an. Später verbanden sich Herne, Eickel
und Recklinghausen zu gemeinsamen Notstandsreisen.

Mit dem Friedensschluss 1919 musste der Taubensport eine noch größere Belastungsprobe
bestehen. Die Militärregierung beschlagnahmte wegen passiven Widerstandes die letzten
kümmerlich durchgefütterten Restbestände auf den Taubenschlägen. Der städtische Kommissar
Kriener setzte unter Assistenz unserer beiden Vertrauensleute Hövels und Bohnenkamp die
Entschädigungssätze pro Schlag und Tier fest, die erst nach der Währungsreform ganz bescheiden
in Rentenmark zur Auszahlung kamen. Leistungsschläge erhielten kaum mehr als 80,00 RM.

Zum Überdruss setzten radikale Kräfte einen Spaltpilz in unseren Verbandsorganismus: Die
Gründung des sogenannten Westbundes mit eigenem Verbandsorgan im Jahre 1928. Unser
Vorstand mit Dawin, Willenberg, Haisken und Heufer griff früh genug ein und verhinderte in Herne
eine weitere Zersetzung. 1935 verlor der Westbund seine Kraft und ging 1945 ein.





BEWEGTE ZEITEN

machten die Taubenliebhaber dann wieder im 2. Weltkrieg durch. Neben der Futterknappheit waren
es jetzt auch die Bombeneinschläge, die manchen Sportfreund zur Aufgabe zwangen. Von 1941 bis
1945 wurde das Reisen wegen der Kriegseinwirkungen gänzlich eingestellt. Nach der Kapitulation
1945 beschlagnahmte die englische Besatzungsmacht bei Androhung strengster Strafen über 1000
Tiere. Nur kleine, heimlich gehaltene Bestände überlebten diese Maßnahme wie im ersten
Weltkrieg. Es ist daher verständlich, dass die unentwegten Liebhaber Jahre benötigten, um wieder
aufzubauen.





WIEDERAUFSTIEG

Erst 1946 konnte das Reisen unter dem Triumvirat Willenberg, Dawin und Drewermann wieder
begonnen werden. Um hierfür die Genehmigung der Militärregierung zu bekommen, hat sich der
Polizeikommissar, Sportfreund Raber, besonders verbürgen müssen. Etwa 40 Vereine fassten
wieder Tritt und wählten als neue Reiserichtung die SO Route mit der Endtour Wien.

Mit dem Wirtschaftsauftrieb erholte sich auch unser Sport. Immer schärfer wurde die Konkurrenz
infolge der von Dr. Bricoux aus Belgien mit fabelhaften Erfolgen praktizierten
Witwerschaftsmethode.

1950 hatte die Herner Reisevereinigung die Ehre, die 55. Verbandsausstellung des Verbandes zur
Förderung der Reisetaubenzucht im früheren großen Kolpingsaal zu beherbergen, was heute allein
räumlich gesehen gar nicht mehr möglich wäre. Wenn der damalige Verbandsvorsitzende Richard
Grüttner der Herner RV für das gute Gelingen der Ausstellung das höchste Lob aussprach, gebührt
neben dem rührigen Vorsitzenden Karl Hermsen unserem unvergessenen Gustav Dawin der höchste
Anteil.
Das begrüßenswerteste Ereignis in der Geschichte des Taubentransports aber war die Idee des
Taubenexpress, der unseren Tieren einen ganzen Transporttag erspart. 1956 war Herne eine der
ersten RVen, die sich einen solchen Bus mit Anhänger, mit einem Fassungsvermögen von 8000
Tauben, zu legten.
Die stete Aufwärtsentwicklung der 50er und 60er Jahre bei über 1000 Mitgliedern machte bald die
Anschaffung eines größeren Motorwagens erforderlich.
Dieser wurde 1968 gekauft und versetzte uns in die Lage, 10.000 Tauben an einem Flug
unterbringen zu können.
Nach den Jahren der Sättigung folgte die Umstrukturierung des Reviers, weg von Kohle und Stahl.
Durch den Abriss alter Häuser und den Bau neuer Autobahnen und Straßen sowie durch ein
verändertes Freizeitverhalten waren die Mitgliederzahlen wie überall rückläufig; weniger
veränderten sich die Zahlen der geschickten Tauben.




Hier einige Zahlen:

1964: 934 Mitglieder 128.888 Tauben
1974: 628 Mitglieder 104.870 Tauben
1984: 414 Mitglieder 71.302 Tauben
1994: 304 Mitglieder 70.216 Tauben
2000: 258 Mitglieder 56.771 Tauben



Das hervorragendste Ereignis nach dem Kauf des 1. Taubentransporters war jedoch 1978 der
Ankauf eines 2.500 qm großen Geländes von Krupp (ehemaliger Landabsatz der Zeche Mont-Cenis
I/III) und der Bau einer Fertighalle von 25 x 15 m. Dank nochmals an alle Züchter und Gönner, die
durch Mitarbeit bei der Selbsthilfe oder durch planerische und steuerliche Hilfe es ermöglichten,
unser Ziel zu erreichen.

Ein drittes Fahrzeug, ein DB 1120, wurde 1986 angeschafft, der Vorgänger entsprach nicht mehr
den gestiegenen Anforderungen der Züchter.

Zum 90-jährigem Jubiläum konnten wir unsere Einsatzhalle um 6 x 25 m erweitern. Eine
vergrößerte Gastronomie rundet unsere Anlage ab und bringt mehr Freizeitwert. 1991 wurde der
Innenausbau abgeschlossen. Hierbei sind neben vielen helfenden Händen besonders die der
Gebrüder Kiesler zu erwähnen, die nicht nur durch handwerkliche und organisatorische, sondern
vor allem auch durch ihre finanzielle Hilfe die Fertigstellung überhaupt erst ermöglichten. Heute
können wir in eigenen Räumen mehr als 120 Delegierten zu den Hauptversammlungen Platz bieten
und ebenso private Geburtstage und andere Feste feiern.
Das ausgehende 20. Jahrhundert setzte vor allem mit Änderungen im technischen Bereich
richtungsweisende Akzente. Auch im Brieftaubensport änderte sich seit Mitte der 90ziger Jahre
Wesentliches, man denke an die Einführung der elektronischen Konstatiersysteme, die die
herkömmlichen Uhren für die Gummiringe ersetzen.
Für das neue Jahrtausend ist die RV Herne als eine der größten RVen Deutschlands bestens
gerüstet.
Dass es in den nächsten Jahren so bleiben möge, ist unser aller Wunsch.